Bis zum 15. November muss Thomas Fiedler die neue Jahresstatistik für die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rinteln ans Kultusministerium in Hannover schicken. Lehrerausstattung, Klassen- und Schülerzahl müssen dann möglichst genau aufeinander passen, sonst drohen Einschnitte im Angebot. "Diesmal kriegen wir es noch hin", sagt der stellvertretende BBS-Leiter. "Aber es wird bei einigen Ausbildungsgängen immer knapper", ergänzt der BBS-Leiter Herbert Habenicht.

Die Risikofaktoren für die Breite des Angebots am BBS-Standort Rinteln und seinen zwei Außenstellen in Bückeburg sind vielfältig, erläuterten Habenicht und Fiedler jetzt im Gespräch mit unserer Zeitung. Da ist zunächst der demografische Trend – nicht zu ändern. Besonders im Nordkreis ist manchen Schülern der Weg zu ihrer Fachklasse in Rinteln zu weit, Busfahrten von mehr als einer Stunde drohen. Da ist man schneller in Wunstorf, Neustadt oder Hannover. Und Jugendliche haben nichts dagegen, bummeln durchaus gern nach der Schule noch durch die Landeshauptstadt. Dort haben Ausbilder mitunter noch gute Beziehungen zur Uni Hannover, was attraktiv sein kann. Die beiden Berufsschulen in Rinteln und Stadthagen machen sich dagegen so gut wie keine Konkurrenz.
Hinzu kommen die immer höheren Anforderungen in einigen Berufen, die zu einer Abbrecherquote in der Probezeit allein beim Handwerk von zehn bis elf Prozent führt, ergänzt Fritz Pape, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schaumburg. Diese Schüler fehlen dann den entsprechenden Berufsschulklassen. Da zu den Handwerksinnungen aus alten Grafschafter Zeiten meist noch Firmen in Hessisch Oldendorf gehören, schicken diese ihre Azubis heute an die BBS in Hameln.
"Wir wissen ganz genau, wer aus Schaumburg in Nachbarkreisen zur BBS geht, das müssen uns die Ausbilder melden", erklärt Habenicht. "Wenn es das Angebot in Schaumburg nicht gibt, müssen wir die Leistung der anderen BBS bezahlen. Haben wir das Fach auch, trägt der Ausbildungsbetrieb die Mehrkosten." Zulauf aus Nachbarkreisen hat die BBS Rinteln dagegen nur aus dem Extertal – aber in ganz geringer Zahl.
"Ab 14 Schüler gibt es eine Klasse und eine Lehrerausstattung mit Stunden", rechnet Fiedler vor. "Wollen wir auch mit weniger Schülern eine Klasse bilden, müssen wir die sich zunächst halbierende und bei unter sieben Schülern wegfallende Stundenausstattung an anderer Stelle kompensieren. Dies geht am besten durch große Klassen mit gleicher Lehrerausstattung oder ab 32 Schüler sogar mit doppelter. Da kann es also ein kleines Plus geben." Gelingt dies nicht, müssen Schüler in ein anderes Bildungsangebot oder an eine andere BBS wechseln. Fachlehrer könnten abwandern. Die Schnittstellen sind bei der Planung neuer Klassen am Schuljahresende und die Statistik zum 15. November. Habenicht: "Jeder Schüler, der für die BBS Rinteln wegfällt, nimmt uns auch etwas vom Budget."
Was kann man also tun? Zunächst einmal vor auswärtigen Nachteilen warnen. Habenicht zählt auf: weitere Wege, Fahrtkosten für Betriebe, Anonymität an großen Schulen wie in Hannover, geringerer Kontakt der BBS zum Betrieb und eventuell parallele Berufsschultage im Betrieb, später drohende Abwanderung von Azubis.
Eigene Vorteile zählt Habenicht auch auf: Die Bildungslandschaft in Schaumburg bleibt erhalten. Optimale Betreuung der Schüler. Keine Paralleltage. Breites Angebot möglich. Azubis bleiben anschließend der Region als Fachkräfte erhalten. Hinzu komme, so Habenicht, eine enge Verknüpfung mit den Betrieben, intensivere Förderung auch der Persönlichkeiten der Azubis, gute Ausstattung der Schulgebäude, ausreichende Lern- und Lehrmittel.
Pape erwähnt eine weitere, bereits bestehende Attraktivitätssteigerung im Angebot: "Da im Elektrohandwerk die Anforderungen stark gestiegen sind, wurde an der BBS Rinteln eine Fachschulklasse eingerichtet. Also erst ein Jahr auf Schulbank samt Praktika, dann weiß man über seine Eignung besser Bescheid. Die Abbrecherquote sinkt. Im Betrieb bekommt man das Jahr meist auf die Gesamtausbildungszeit angerechnet. Immer mehr Jugendliche wollen nicht gleich nach der Schule in einen Betrieb. So haben sie ein Jahr mehr Zeit."
Pape bestätigt, dass es in Rinteln und Stadthagen schwieriger wird, die nötigen Klassenstärken zu erreichen. Berufe wie im Fleischer- und Bäckerhandwerk, Tischler, im Metall- und Elektrobereich seien heute weniger gefragt als früher.
"Aber wenn wir einen Ausbildungsgang einmal abgeschafft haben, bekommen wir ihn auch kaum wieder", gibt Fiedler zu bedenken. Zurzeit hat die BBS Rinteln in der Weserstadt und Bückeburg rund 1650 Schüler. "Seit zwei bis drei Jahren halten wir dieses Niveau, und das gilt auch noch für das nächste Schuljahr", erklärt Habenicht. "Aber danach werden es in kaum acht Jahren gut 30 Prozent weniger. Dann wird es eng bei einigen Berufen."
Die BBS Rinteln verliert derzeit rund 60 Schüler in Vollzeitausbildungsgängen an Nachbarkreise, im Dualen System der Berufsausbildung sind es 40. Eine Prognose hierzu für 2012 gibt es noch nicht. Aber den Appell der BBS: "Schickt uns alle Azubis!" Diesen Appell unterstützt auch Martin Wrede, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Stadthagen. Für kaufmännische Berufe sieht er im Moment allerdings noch keine größere Gefahr, Klassen nicht mehr bilden zu können.